Manchmal gibt es im Leben Zufälle oder Momente, die Dich an einen besonderen Ort verschlagen. Irgendetwas sagt in Dir plötzlich: „Halt an, steig aus und gehe gucken“, und dann findest Du ein ganz besonderes Kleinod. In einem Dorf, durch das Du schon so oft einfach durchgefahren bist.

Ich lade Dich heute zu einer Geschichte über drei kleine Kirchen ein, die ich auf meinen Fahrten „zufällig“ entdeckt habe, die nicht das eigentliche Ziel waren, aber sich als wahre Schätze unserer Geschichte, Kunst und Geistlichkeit herausgestellt haben – viel Spaß beim Lesen und Entdecken wünsche ich Dir!

Die sakralen Bauten aller Epochen stehen immer wieder auf denselben Plätzen, erspürt und ausgewählt von den Menschen vor Tausenden von Jahren. Dort, wo heute die christlichen Kirchen stehen, trafen sich unsere Altvorderen schon immer zu Beratung, Gebet und Heilung. Nicht nur die berühmten Dome, Kathedralen, Stiftskirchen stehen auf Plätzen mit besonderer Energie, nein, auch unzählige Dorfkirchen. Teils viel älter – erzählen sie von der tiefen gelebten Verbundenheit unserer Ahnen mit der Erde, der Natur und dem Universum in jedem Dorf, in jeder noch so kleinen Siedlung.

 

Wehrkirche Pomßen

Pomßen liegt an der Parthe zwischen Leipzig und Grimma, und direkt an der hindurchführenden Landstraße steht die wunderschöne alte Wehrkirche inmitten des Friedhofes ganz prächtig da. Tatsächlich hat sie noch heute die Anmutung eines romanischen Baues. Dazu trägt der massive Westturm bei sowie die rundliche Apsis auf der Ostseite.  Im Inneren finden sich noch zwei Original-Würfelkapitelle und schöne romanische Rundbögen aus der Anfangszeit, außerdem im Eingangsbereich die Taufkapelle. Die Kirche wurde wohl um 1200 gebaut. Aus dem 14. Jh. ist der schwere, ganz unverzierte, Taufstein.

Wehrkirchen hatten über Jahrhunderte zwei Aufgaben: sie waren der Ort des Glaubens und des religiösen Geschehens der Gemeinde, gleichzeitig boten sie den Menschen des Dorfes Schutz in bedrohlichen Situationen, z.b. beim Durchzug räuberischer Horden.

Pomßen hatte auch seit Anfang des 13. Jh. ein Rittergut. Ab 1536 gehörten Gut und Schloß der uralten sächsischen Adelsfamilie von Ponickau und die Wehrkirche wurde zu ihrer Patronatskirche. In der Gruft der Kirche stehen heute noch Särge von Familienmitgliedern, und die Kirche zieren mehrere reichhaltig gestaltete Epitaphien. (3)

Die begüterte Familie von Ponickau stattete die Kirche ab dem 17. Jh. im Barockstil reichhaltig aus. Ein wertvoller Sandsteinaltar um 1560, eine mit den Propheten bemalte Kassettendecke von 1686 und eine kunstvoll eingebaute Patronatsloge prägen heute den Eindruck der Kirche. 1671 wurde die älteste, noch heute spielbare Orgel Deutschlands eingebaut. Die Stifterfamilie war von großer Bedeutung für die Umgebung von Grimma und für Pomßen. (4)

 

Ebenso aus dem 17. Jh. stammen die 3 Bronzeglocken des Geläuts. Sie haben eine bewegte Geschichte hinter sich. Die beiden größeren Glocken mußten im 2. Weltkrieg zum Einschmelzen abgegeben werden. In Hamburg gab es ein riesiges Glockenlager im Hafen. Auf diesem Glockenfriedhof liegend, mit Zehntausenden anderen eingezogenen Glocken, wurden sie glücklicherweise nicht eingeschmolzen und kamen nach Kriegsende zurück in ihre Heimatkirche. Nun waren sie zum Glück alle drei wieder zusammen zu hören. Denn man muß wissen, daß sie vom Ton her ganz genau aufeinander abgestimmt waren, um ein harmonisches Läuten abzugeben.

Zu DDR-Zeiten kamen sie in einen neugebauten gekröpften stählernen Glockenstuhl, an dem die Glocken nicht um ihre Krone schwangen, sondern um eine tiefer gelegte Achse an ihrem „Bauch“. Dies entpuppte sich als große Belastung, und die Glocken wurden auf Dauer beschädigt. Um 2005 wurde wiederum ein neuer hölzerner Glockenstuhl gebaut, nach althergebrachter Zimmermannsweise und unter teilweiser Verwendung der alten Eichenbalken. Die Glocken wurden in der Zeit saniert, und nun hat alles ein gutes Ende genommen – indem man wieder die Weisheit unserer alten Baumeister mit einbezog.

 

Wehrkirche Daspig

In Daspig, das heute zu Leuna eingemeindet ist, steht die Wehrkirche St. Nikolai. Direkt auf dem Kirchengelände sind keine archäologischen Spuren dokumentiert, jedoch gibt es im weiteren Umfeld an vielen Orten entlang der Saale viele großartige Funde, die die frühe und ununterbrochene Besiedlung dieser Gegend belegen. Unter anderem wurden in dem Nachbarort Rössen (heute auch zu Leuna gehörend) so umfangreiche kulturhistorische Gegenstände in Siedlungsresten und Grabanlagen gefunden, daß daraus der Name für die Kultur einer ganzen Epoche entstand – die Rössener Kultur, die über weite Teile Europas verbreitet war.

Quasi nebenan liegen Bad Dürrenberg mit dem archäologischen Fund  der „Schamanin“ aus der Jungsteinzeit, die Dolmen von Langeneichstädt, Merseburg auch als wichtige Heilige Stätte, denn sie wurde von den Christen mit einem Dom überbaut, der Menhir von Dölau, die Vierersteine bei Krimpe. Alle Orte sind quasi über die Saaleaue, die früher sehr viel wasserreicher war, per Wasserweg miteinander verbunden.

Daspig liegt erhöht am Rande der breiten Saaleaue – eine strategisch gute Lage, am Wasser, jedoch vor Hochwasser geschützt und mit Weitblick über die Aue. Ein guter Platz für eine Heilige Stätte und für eine Siedlung. Indiz für die Besiedlung bereits im Neolithikum sind ebenfalls am erhöhten Rand der Saaleaue befindliche Hügelgräber, Grabfunde und Siedlungsreste direkt in und um Leuna.

Daspig selbst wurde als wendisches Rundlingsdorf gegründet. Die Wenden – die Slawen – jedenfalls unsere indogermanischen Brüder und Schwestern aus Südosteuropa, mit denen wir auch heute noch gemeinsame Wortstämme teilen – hatten wohl in dieser Gegend einen Gott namens Daspog, einen Gott der Sonne, des Lichtes und des Segens. Wenn ein Platz, eine Siedlung direkt eine Gottheit in ihrem überlieferten Namen trägt, kann das ein Indiz dafür sein, daß sich hier ein zentrales Heiligtum befunden haben könnte. (2) Ein weiteres, sehr starkes, Indiz ist das eingemauerte Thingkreuz, Symbol und Markierung eines Versammlungs- und Gerichtsplatzes unserer Altvorderen lange vor der Christenzeit, in der Spitze des Westgiebels (rechtes Bild).

 

Die Kirche steht noch einmal erhöht an der höchsten Stelle der Siedlung, etwas außerhalb des Dorfkernes. Sie wurde im 13. Jh. erbaut und als Wehrkirche konzipiert. Aufgrund tiefgreifender baulicher Veränderungen in späterer Zeit ist ihre romanische Urform nicht mehr erkennbar. Dennoch hat sie etwas Besonderes. Ihr kleiner, gemütlicher Innenraum ist ein Ort des Friedens und der Stille. Diese Atmospähre umfängt Dich, sobald Du ein paar Minuten hier verweilst, zur Ruhe kommst und den Raum einfach in Dich aufnimmst. Es ist, als ob die Außenwelt nicht mehr da ist.

Besonders schön ist die Balkendecke, die Querbalken sind marmoriert. Der Altar trägt den Ausspruch „Seid Täter des Wortes und nicht Hörer allein“ – eine schöne Ermunterung, für das einzustehen und etwas dafür zu tun, was man sich erträumt.

Oben am Altar über der Kanzel ist ein Allsehendes Auge zu sehen: ein Auge in einem gleichseitigen Dreieck, von einem goldenen Strahlenkranz umgeben. Was bedeutet dieses Symbol, dem wir auch in anderen Kirchen begegnen?

das Auge: das Auge Gottes, das Sonnenauge des Re, das Horus-Auge – im ägyptischen Mythos wird das Augensymbol mit dem 3. Auge, dem inneren Ort der Verbindung mit der Quelle, dem Ort der Intuition, der „Vor-Sehung“ in Verbindung gebracht. Die Ägypter hatten großes anatomisches Wissen, so daß sie den Ort der Zirbeldrüse im Gehirn des Menschen bestimmt kannten, die sozusagen mit dem materiellen Ausdruck des „3. Auges“ assoziiert wird

das gleichseitige Dreieck: seit jeher nimmt die Zahl 3 einen besonderen Platz in der Wahrnehmung der Menschen ein. Sie steht im Christentum für die Trinität Gottes als Sohn, Vater und Heiliger Geist. In der vorchristilichen Mythologie steht sie für den unendlichen Lauf des Lebens durch Werden, Sein und Vergehen zum Neuentstehen. Die Spitze nach oben bedeutet das Streben und Hinaufwachsen zum geistlichen / göttlichen Aspekt des Lebens.

die Strahlen: symbolisieren die Sonne, das Licht, das Leben, die göttliche Lebenskraft

1525 erscheint das komplette Symbol des Allsehenden Auges oder Auges der Vorsehung erstmalig in der neueren Zeit auf einem Gemälde von Jacopo Pontormo „Das Abendmahl in Emmaus“. Und ab dem frühen 18. Jh. im Barock erscheint es verbreitet als Symbol in Kirchen in Form von Decken- und Altargestaltung.

Vielleicht schließt sich hier der Kreis: Wenn der Name Daspig tatsächlich auf einen vorchristlichen Sonnengott zurückgeht und der Altarerschaffer des 18. Jh. das Auge der Vorsehung auf den Kanzelaltar setzt – dann wurde hier genau an dem Ort der Verehrung des vorchristlichen Gottes der Sonne und des Lichts wieder das Symbol des göttlichen Lichtes installiert.  (2)  Eine schöne Vorstellung!

Auch wenn die christliche Auslegung wohl eher die bedrohliche „Gott sieht alles“ Mahnung gemeint hat, so denke ich, daß das Symbol, das aus so uralten bedeutsamen Komponenten besteht, eher dafür steht: wenn Du mit Deinem 3. Auge auf die Welt schaust, nutzt Du quasi Dein „göttliches“ Auge. Durch die Verbindung mit Allem, was ist, durch Deine Intuition, die Dich auch Vorahnungen, Vor-Sehungen erspüren läßt, gelangst Du zum geistigen Wissen, zum wahren Wissen über die Dinge und Zusammenhänge.

Die kleine Kirche hat etwas in der heutigen Zeit ganz Besonderes – sie ist immer offen. Eine schöne Einladung, jederzeit dort verweilen zu können, auch ganz allein.

 

Rundkapelle St. Andreas Knautnaundorf

Dies ist das älteste Gotteshaus Sachsens. Die runde Kapellenform war typisch für die ersten kleinen steinernen christlichen Gotteshäuser zu Anfang des 11. Jh in unserer Region. Mir sind noch zwei andere Rundkapellen bekannt – bei der Ruine des ersten Sakralbaues auf dem Petersberg und auf der Wiprechtsburg in Groitzsch. Die ganze Kapelle war praktisch der runde Turm aus Bruchstein. Wobei er nicht klein ist – sein Durchmesser beträgt ca. 10 Meter.

Die runde Form erinnert an unsere alten Anlagen – Wallburgen, Steinkreise, Runddörfer. Die runde Form ist Ausdruck der Vollkommenheit. „Es ist rund“, „es läuft rund“ sagt man auch, wenn etwas absolut passig ist. Rund ist heil ist heilig.

Um die Rundkapelle herum war früher ein Rittergut, man sagt, ein Wohnsitz von Wiprecht. In der Kapelle fand das religiöse Leben der Menschen des Gutes statt. Erst viel später, als die Bedeutung des Gutes verloren ging, das Dorf rundherum jedoch wuchs, wurde sie zur Pfarrkirche für das ganze Dorf, und die Apsis auf der Ostseite wurde enfernt und stattdessen ein Schiff angebaut. Der achteckige Aufsatz auf den ursprünglichen Turm kam 1719 hinzu.

Heute ist man bestrebt, den Originalzustand der Kapelle wiederherzustellen bzw. nachzuempfinden. Im Kirchenschiff, dort wo es an den Turm grenzt, fand man das Fundament der Apsis. Sie wurde wieder aufgebaut. So sind nun der Turm mit seiner Apsis und das Kirchenschiff quasi zwei getrennte Räume, auch mit jeweils einem eigenen Eingang.

Während der Sanierungsarbeiten wurden z.B. Deckenbretter mit spätgotischer Schablonenmalerei gefunden. Schöne Bilder vom Innenraum der Kapelle gibt es hier: https://www.sonntag-sachsen.de/knauthain

Am Eingang zum Kirchenschiff befindet sich ein Wappenstein. Leider war er vom Gerüst teilweise verdeckt. Er stammt von der Kirche in Eythra, die durch den Braunkohleabbau vernichtet wurde.

 

Wappen der Familie von Pflugk, Quelle: Wikimedia Commons, gemeinfrei

Auch in Pomßen war übrigens die Familie Pflugk vertreten: ab 1439 waren der Nickel, danach der Hans Pflugk Eigentümer des Rittergutes und Schlosses.  (6)

Das Familienwappen der Pflugks ist rechts zu sehen. Die Pflugschare im Wappen (auch oben in der Helmzier) zeugen vordergründig von der Verbundenheit zur Landwirtschaft und zu den Ländereien, von der Förderung und Wichtigkeit der Bauern für den Gutsherrn, sie sind Symbol der Bereitung des Bodens für die neue Saat. Etwas versteckter sind sie jedoch auch Sinnbild für Richter und Gesetz: nach unserer Ursprache steht der Pflug – pfluog für die Erschaffung von Recht und die Schar – scar – scere für den Richter, der es durchsetzt. Sinnbildlich wird auch hier der Boden (der Mensch) für die neue Saat (Gerechtigkeit und Verantwortung vor den allgemeinen Regeln der Gemeinschaft) bereitet. (7)

Im Wappen, das rot-weiß gehalten ist, sehen wir außer den Pflugscharen noch Lindenzweige. Wenn man dies symbolisch-rechtlich deutet, steht das Geviert aus Rot und Silber/Weiß für das Spannungsfeld der Herrschaft: Das Durchsetzungsvermögen und die Richtgewalt (Pflugschar – Rot) verbunden mit dem Anspruch auf weise, reine und friedvolle Verwaltung des Landes (Linde – Silber/Weiß).

Links auf dem Wappenstein ist das Wappen der Mutter des Caesar Pflugk, Agnes aus der Familie von Löser. Es zeigt einen Windhund, der für Treue und Wachsamkeit steht. Die Lösers waren über lange Zeit enge Vertraute der sächsischen Kurfürsten, und dieses Tier unterstreicht den Stolz auf ihre loyale Dienstbarkeit. Der Windhund steht auch für Wachsamkeit und Schutz und stellt den wachsamen Schutz der Familie über ihre Untertanen und ihre Ländereien dar. 

Die Jahreszahl 1578 steht für ein tragisches Ereignis in der Eythraer Familie der Pflugks – Caesar Pflugk verstarb 1578 noch als junger Mann. Der Stein war eine Art Epitaph, ein Gedenkstein für die Mutter Agnes und ihren Sohn. (2) 

Stand August 2026 ist die Rundkapelle nicht zugänglich – sobald die Bauarbeiten beendet sind, werde ich wieder hinfahren und hier auch schöne Bilder vom Innenraum zeigen. Außerdem interessiert mich brennend die obere Zeile des Wappensteins, die vom Gerüst verdeckt ist…

Sei gespannt, ich halte Dich auf dem Laufenden. Ich danke Dir sehr für Dein Interesse, fürs Lesen und Weitergeben an interessierte Menschen.

 

Quellen und Inspiration:

(1) Wikipedia: Wehrkirche Pomßen, Ponickau Adelsgeschlecht, Glockenstuhl, Pflugk von Rabenstein

(2) in den so gekennzeichneten Passagen habe ich Gedankenanstöße und Rechercheergebnisse von ChatGPT verarbeitet bzw. weitergedacht.

(3) Archäologie 42 „Gruftanlage in der Wehrkirche in Pomßen“

(4) Netzseite des Kirchspiels Muldental: „Kirchturm Pomßen“

(5) schöne Netzseite mit einer Sammlung von historischen Glanzlichtern im Saalekreis: Saalekreis im Bild

(6) Heimatverein Pomßen: https://heimatverein-pomssen.de/schloss/

(7) Rainer Schulz „Runen, Sinnbilder…“ 2. Band, Hagal-Selbstverlag, 2. Auflage 2025, S. 105