
Stell Dir eine Erde vor 7.000 Jahren vor. Neolithikum im Porphyrkuppenland.
Eine Landschaft ohne „global dimming“ (uns gingen über die letzten industrialisierten Jahrzehnte im Durchschnitt 10% Tageslicht verloren), ohne Lichtverschmutzung der Nächte. Die Atmosphäre so unberührt sauber, daß die Farben strahlen, daß der Wind duftet und der Blick unverschleiert, weit und klar bis an den Horizont reicht.

Azurblauer Himmel März 2020 – damals hatte der Himmel kurz Zeit, auszuruhen und sich zu reinigen
Die Temperaturunterschiede zwischen Tag und Nacht sind größer. Der Himmel scheint höher. „Azurblau“ ist nicht hellblau, es ist sattes tiefes Blau – Du ahnst beim Hineinschauen die Dunkelheit des Universums.
Das Wasser ist wild. Am Winterende und bei starken Regenfällen braust es ungezügelt in aller Breite durch seine Aue, hinterläßt sumpfige Wiesen und Teiche.
Stell Dir vor:
Nach tief tief dunkler Nacht beginnt die Morgendämmerung. Es ist Frühling, vielleicht Maienzeit. Das Himmelszelt beginnt, mit einem zarten Lichtstreifen im Osten ganz langsam zu erhellen. Noch herrscht tiefe Stille – Stille, die wir heute gar nicht mehr kennen. Aber es atmet. Alles rundherum lebt und atmet wie ein einziger großer Organimus – die Erde selbst, und die Pflanzen, Tiere und Menschen auf ihr – noch im nächtlichen Ruhemodus – scheinen eins.
Die Erde, die dichten und hohen Wälder, die saftigen Wiesen voller Kräuter sind von Tau bedeckt, der in Form von Nebel langsam zu verdunsten beginnt. Die Nebelschwaden steigen auf, und die Sonne blitzt über den Horizont – welch ein Farbenmeer ergießt sich in Dein Auge! Erst taubenblau, dann violett, lavendel, rosa, dann rot mit dem ersten Sonnenstrahl, gleich darauf orange und immer immer heller werdend!
Welch ein Labsal an noch kalter, frischer, reiner Luft ergießt sich in Deine weit atmende Lunge! Barfuß läufst Du hinaus in die kühle, feuchte Wiese und hebst tief atmend Deine Arme weit empor. Dein Gesicht ist dem blanken, reinen, nun hellblauen, Himmel und der aufgehenden Sonne zugewandt. Deine Ohren nehmen die zahlreichen Geräusche der erwachten Natur auf – Vogelkonzert aus tausenden kleinen Kehlen begrüßt jubilierend den Tag. Und plötzlich ist die nächtliche Kühle verschwunden, und wärmende Sonnenluft umhüllt Deinen Körper.
Die Blüten, Blätter, die Zweige und Äste, die Ähren und Rispen erwachen, öffnen sich in allen Farben und drehen ihr Antlitz zur aufgegangenen Sonne, die am nun azurblauen Himmel scheint. Myriaden von Insekten beginnen zu schwirren.
Guten Morgen, liebe Erde, guten Morgen, liebe Sonne – denkst Du, voller Ehrfurcht und Freude, dankbar, daß es jeden Tag aufs Neue so geschieht.
Satte Farben, klare Umrisse, weiter Blick bis zum Horizont von dem Hügel aus, auf dem Du stehst. Flaches, fruchtbares, duftendes Land, das in unzähligen Grün- und Gelbtönen vor Dir liegt. Die Düfte der Blüten und Kräuter, der feuchten Erde umströmen Dich in einer berauschenden Intensität, die mit der immer höher steigenden Sonne zunimmt. In der Aue unten glitzert der Fluß in seinem Bett, umsäumt von kleinen Bächen, die ihm zuströmen, und von Teichen, die nach dem großen Wasser des Tauens, das die ganze Aue eingenommen hatte, stehengeblieben sind.
Im flachen Land liegen höhere und niedrigere rundliche Kuppen. Die Gebeine von Mutter Erde – denkst Du liebevoll. Hier und da ist auf ihnen ein starker Holzpfosten oder ein hochkant aufgestellter Stein zu sehen. Die Zeichen, an denen die große kosmische Ordnung greifbar gemacht werden kann. Die Ordnung, die Du in allem um Dich herum spürst, von der Du selbst ein Teil bist.
Am Abend sitzt Ihr zusammen am Feuer, eine kleine Lichtinsel in unermeßlicher Dunkelheit und Stille. Die Sonne ist untergegangen. Die Stimmen werden leiser. Heute ist Neumond. Du legst den Kopf in den Nacken und schaust nach oben. Dir ist, als schaust Du in unendliche dunkle Weiten. Unvorstellbar viele glitzernde Sterne, große leuchtende und winzig kleine, stehen dicht an dicht am kuppelartigen Firmament. Und wandern majestätisch getreu der göttlichen Ordnung langsam über Dich hinweg. Du spürst tiefe Ehrfurcht und gleichzeitig die Verbundenheit, das Eingebettetsein in das große Ganze.
Kannst Du Dir vorstellen, wie der Nachthimmel aussah, bevor es Lichtverschmutzung gab?
Nachthimmel im Video: https://www.spektrum.de/video/wo-sind-die-sterne-hin/1592560
Ich kann mich gut hineinversetzen, daß diese Menschen – unsere Ahnen – tief gläubig gewesen sein müssen. In dem Sinne, daß sie im Angesicht dieser grandiosen, unerschöpflichen, mit allen Sinnen greifbaren Schönheit der Natur genau wußten und spürten, wie alles im Einklang ist, von welcher Sinnhaftigkeit alles ist. Und welches ihr Platz darin ist. (Wieviel ist uns heute davon verlorengegangen…)
So auch im seit Urzeiten besiedelten wunderschönen Porphyrkuppenland bei Landsberg. Die Landschaft ist flach, die Porphyrkuppen erheben sich weithin sichtbar. Es gibt keine größere oder höhere Bebauung, so daß weithin reichende Sichtbeziehungen zwischen den Kuppen bestehen. (1)
Siedlungsfunde und Beisetzungsformen unterschiedlicher Kulturepochen sind hier flächendeckend anzutreffen. Da naturgemäß nur sporadisch archäologische Untersuchungen durchgeführt werden, z.B. dort, wo etwas gebaut werden soll, bzw. an besonders exponierten historischen Punkten, haben wir gar keine richtige Vorstellung davon, wieviele Menschen hier tatsächlich schon vor Jahrtausenden lebten. Wir finden ja nur Material, das die Jahrtausende überleben konnte. Zum Beispiel befinden sich am Spitzberg mit seinem Grabhügel Gräber aus mehreren Kulturepochen, in der Jungsteinzeit beginnend bis hinein in die Bronzezeit, jeweils erkennbar am gerade vorherrschenden Bestattungsritus.
Bei meiner ersten Tour habe ich hier einige Orte besucht, die ich Dir gern zeigen möchte.
- Hallesches Ackerland
Hohenthurm:
Heiligtum (?) auf einer hohen ausladenden Porphyrkuppe, überbaut mit einer Burg. Das große Burggelände ist wunderschön, leider nur zum Teil instandgehalten und genutzt. Das Schloß auf dem weiträumigen Gelände stammt aus dem 18. Jh. und ist lt. einem Video von einem Lost Place-YouTuber verlassen. (2) Eine romanische Kirche und der Bergfried sind Bestandteil der Kernburg und stammen aus dem 12. Jh. Wobei die Befestigung des Berges zu Wehr- und Sicherungszwecken gegen die „Slawen“ (nicht christianisierte Germanen) bereits 936 begann.
Grabhügel auf dem Spitzberg:
Der Spitzberg ist ganz in der Nähe von Hohenthurm in östlicher Richtung. Eine Landstraße führt Dich in ein paar Fahrminuten hin, rechterhand der Straße ist er nicht zu übersehen. Hier finden wir auf einer breiten und flachen Kuppe ein Hügelgrab. Es ist natürlich komplett durchwühlt und untersucht, doch gibt uns das wertvolle Hinweise auf unsere Vorfahren: der Grabhügel wurde bereits von der Baalberger Kultur während der Mittleren Jungsteinzeit errichtet, der Zeit, aus der die Kreisgrabenanlagen, wie z.B. Goseck, stammen. Später wurde der Berg, der wahrscheinlich über Jahrtausende zu einem Heiligen Bezirk gehörte, wiederholt wieder zu Bestattungszwecken aufgesucht, der Grabhügel erweitert und aufgehöht, so daß er uns heute von Vorfahren aus vier Kulturepochen berichten kann. Die jüngsten Gräber stammen aus der Bronzezeit. Siedlungen der Menschen, die hier ihre Lieben bestatteten, finden sich beidseits des Strengbaches in den Bereichen, die auch heute noch Ortschaften sind, wie z.B. Piltitz, Gütz, Landsberg, Gollma. Früher gab es auch auf dem Gützer Berg, sozusagen nebenan in östlicher Richtung, mehrere Hügelgräber.
- Blick übers Land nach Nordwest – zwischen den beiden linken Bäumen der Petersberg
- Blick über die weitläufige Kuppe nach Westen, hier auf dem deutlich erkennbaren Plateau stand einst eine Siedlung unserer Vorfahren (ja, beim Photographieren stand ich auf dem Grabhügel , ich habe um Erlaubnis gefragt)
- direkt zwischen Straße und Berg findest Du einen kleinen Teich, ein Überbleibsel eines kleinen Steinbruches
- mittlerweile ein wertvolles Biotop, in dem selten gewordene Pflanzen und Tiere heimisch sind
ehemaliger Schwerzer Berg:
An dieser Stelle ist jetzt ein Steinbruch. Der Berg selbst wurde noch im Mittelalter explizit als besonders bezeichnet, er sei ein Heiliger Platz. Er wurde auch als Hexentanzplatz bezeichnet. Das Wappen von Schwerz weist noch auf den Berg hin. Die Netzseite eines Erforschers der Region erklärt die mögliche kalendarische Nutzung der Porphyrkuppen, indem man sie bei der Beobachtung der Sonnen- und Mondstände als Landmarken nutzte. Er setzte hierbei den Schwerzer Berg bzw. eine ganz bestimmte Stelle nördlich des Berges in den Mittelpunkt seiner Betrachtungen: westlich von Schwerz scheint sich eine rundliche Struktur im Acker zu befinden, wie auf Luftbildaufnahmen ersichtlich ist. (3) Auch bei google maps ist sie schwach zu sehen! Eine Kreisgrabenanlage?
- Steinbruch mit Zerkleinerungsanlage
- das einzige Bild vom Schwerzer Berg, das ich gefunden habe (4)
- Luftbildaufnahme von (3) mit dem rundlichen Umriß
- Quelle: Wikipedia
Ausgehend von der Kalendergraphik sehen wir die weiteren Punkte des Ensembles, die für die steinzeitliche Beobachtung der Sonnen- und Mondstände wichtige Landmarken darstellten. Schau Dich gerne ausführlich auf der Netzseite observatorium-landsberg um. Es gibt dort auch eine interessante Interpretation zur Anwendung der Himmelsscheibe von Nebra.
Der Anlaß dieses Artikels war für mich die Nachricht, daß hier in der unmittelbaren Umgebung, an einer weiteren Porphyrkuppe, dem Burgstetten, ein neuer Steinbruch eröffnet werden soll. Deshalb soll dem Burgstetten ein eigener Artikel gewidmet werden. Diese – für mich unerwartet – wunderschöne und von unseren Altvorderen intensiv geprägte Landschaft ist für uns von großer Bedeutung – hier können wir schauen, wie sie wohl gelebt und ihre Umgebung, die Natur, den Himmel und den Lauf des Lebens an sich, erlebt haben.
Quellen:
(1) Netzseite des Landesamtes für Umweltschutz Sachsen-Anhalt: https://lau.sachsen-anhalt.de/fachthemen/naturschutz/schutzgebiete-nach-landesrecht/landschaftsschutzgebiet-lsg/lsg69
(2) YT-Kanal Ruinenreise „Lost Place, das Schloß von 1736): https://www.youtube.com/watch?v=kTFuHyNut0M
(3) Netzseite observatorium-landsberg, Artikel über eine kalendarische Beobachtungsanlage: https://observatorium-landsberg.jimdoweb.com/beobachtungsanlage/
(4) Bild vom Schwerzer Berg aus dem Internetarchiv: https://web.archive.org/web/20161102145139/http://www.schwerz-saalekreis.de/historisches/index.html




















