Immer wieder inspirieren die Landschaften des Harz, tief in die Geschichte einzutauchen. Schon während der Fahrt, wenn sich die ersten Hügel des Harz am Horizont zeigen, stellt sich ein ganz besonderes Gefühl ein – ein leises Ziehen im Herz, eine Mischung aus tief empfundener Vorfreude, „nach Hause“ zu kommen, und einer Wehmut, unsere Altvorderen dort nicht anzutreffen und wahrscheinlich nie ganz zu erfahren, was ihr Leben ausmachte.

Wir können nicht alle Geheimnisse unserer Vergangenheit kennen. Wieviele Generationen ist es her, daß im Ilsetal eine Königspfalz stand? Wieviele Regengüsse, Stürme, Generationen von gefällten und neu gewachsenen Bäumen, wieviele menschliche und politsche Stürme sind seitdem geschehen? Um wieviele Millimeter oder Zentimeter wird Stein in 1000 Jahren abgetragen oder versinkt immer tiefer im Erdreich?

Doch wir wollen nicht verzagen – komm mit ins Ilsetal! Vielleicht entdecken wir wieder ein Stückchen Vergangenheit oder eine Geschichte, die uns der längst untergegangenen Welt ein Stückchen näher bringt!

Die im Harzhochland entspringenden Flüsse brachten dort, wo sie die Berge verlassen, überall Siedlungstätigkeit hervor. Sie waren Lebensader, Energielieferant und Transportweg und verbanden schon immer das Bergland mit dem Flachland, mit den großen Flüssen und letztendlich dem Meer.

Auf dem Titelbild sehen wir Ilsenburg vom erhöht liegenden Plateau des Klosters aus. Es liegt eingebettet in die auslaufenden Hügel des Harzes. Nach links geht es hoch ins Tal, rechts geht es in Richtung Harzvorland. Da das Ilsetal Wasser, Holz und Wildbret spendet sowie Schutz und Übersicht bietet, denke ich, daß Menschen es bereits zu Urzeiten aufsuchten und zumindest den Talausgang, wahrscheinlich eher die höher liegenden Hügel, besiedelten. Denn wir wissen ja, daß die Flüsse stärker und wilder waren, daß sich im Harzvorland Gewässer und Sümpfe ausbreiteten.

Das Wasser der Berge hier ist klar und rein, noch bis vor einigen Jahren wurde ein im Ilsetal entspringender Quell hier als Tafelwasser abgefüllt. Da wir hier auf dem Heinrich-Heine-Wanderweg wandeln, sei unten auf einen Auszug aus der „Harzreise“ verwiesen mit einem sagenhaften Hinweis darauf, wer die mythische Prinzessin Ilse war.

 

Auf einem höher gelegenen Hügel über Ilsenburg finden wir einen alten historischen Platz auf einem Plateau mit guter Übersicht über das Tal und vor den wilden Ilsewassern geschützt. Dieser Ort mag schon immer der wichtigste der Siedlung, vielleicht auch ihr Anfangspunkt, gewesen sein. Erste nachweisbare Spuren sind in Form von Fundamentresten von der Königspfalz  ergraben worden, die im 10. Jh. hier von den Ottonen errichtet wurde. Was vorher hier war, läßt sich nicht mehr dokumentieren, nur vermuten. Da als Bestandteil der Pfalz eine Marienkapelle existiert hatte (oder auch schon vorher da war), ist es zum Beispiel denkbar, daß bereits vor der Christianisierung hier ein Heiliger Platz war. Im Zusammenhang mit der Ilse könnte man von einem Wasser- oder Quellheiligtum ausgehen. Im Norden und Osten der Anlage sind im Gelände wallartige Strukturen zu sehen – es läßt sich nicht mehr feststellen, ob sie zur ursprünglichen Reichsburg bzw. Königspfalz gehörten. Vielleicht ist es auch eine Wallanlage aus noch davorliegender Zeit.

Beurkundet: Otto III. ist 995 auf der Königspfalz Elysynaburg gewesen – darüber wird in alten Unterlagen des Kloster Drübeck im Nachbarort berichtet. Heinrich II. (der Nachfolger Ottos III.) übereignete dem Bistum Halberstadt 1003 das gesamte Zubehör der Elisenaburg. 1018 wird im castrum quod Hilisinneburch formell das Kloster gegründet. (1)  Interessant finde ich die Veränderung der Bezeichnung des Ortes.

Rainer Schulz beschreibt die Orte mit der Anfangssilbe Il-, Ol- oder El- als alte Wissensorte, Heilige Orte, an denen das alte Wissen gehütet und weitergegeben wurde. Im Zusammenhang mit der Silbe -burg kommt man zu der Bedeutung „Ort des geborgenen Wissens“. (2) Vielleicht wurde hier eine Tradition fortgeführt? Gerade im Zusammenhang mit der Geschichte des Klosters Ilsenburg als bedeutende Klosterschule und Ort der regen Schreib- und Kunsttätigkeit mit damals berühmter Bibliothek finde ich diese Deutung passend. Ich sehe die damaligen Klöster durchaus auch als „Orte des geborgenen Wissens“, als spirituelle, künstlerische, wissenschaftliche Zentren, Hüter des alten und Schaffer des neuen Wissens.

Die Herleitung aus der Ursprache Il-me = das mehrende Lebenswasser (2) wäre eine schöne und sehr treffende Umschreibung für die Ilse, die seit Urgedenken aus dem Brockenmassiv fließt und das Leben an sich ermöglicht. Auch finden wir im Wort Ilse (früher Ilisa, Ilsene) Il-. Als alte indogermanische Wortwurzel bedeutet diese Silbe auch strömendes, fließendes, eilendes Wasser. Gerade die Flußnamen sind oft die ältesten überlieferten Sprachspuren unserer Urahnen.

Jedenfalls paßt alles gut zusammen: ein altes Wasser- oder Quellheiligtum in Verbindung mit einem Wissensort, eine Marienkapelle (Maria – stella maris –  auch die Schirmherrin der Meere, der Schiffer), die Weiternutzung des Heiligen Platzes in Form einer klösterlichen spirituellen Wissensbibliothek, damit einhergehend die Wiederauslagerung der weltlichen Macht (Königspfalz) hoch auf den Ilsestein (dort sieht man heute noch die Ruinen der Burg, die im Anschluß an die Übereignung der alten Burg an das Bistum dort droben neu errichtet wurde).

Das Kloster:

Das reiche und einflußreiche Benediktinerkloster hatte seine Blütezeit im 11. bis 13. Jh. Die Klosterkirche der ehemaligen Benediktinerabtei, St. Peter und Paul, geweiht 1087, hat im Laufe der Jahrhunderte viele Veränderungen erfahren, politische Stürme und liebevolle Wiederherstellung im Stile der jeweiligen Mode erlebt. So hat sich die frühromanische 3-schiffige Basilika, jedes Schiff mit eigener Apsis, mit Querschiff und doppeltürmigem Westwerk im Lauf der Zeit stark verändert. Man kann sich noch vorstellen, wie majestätisch und prachtvoll sie in perfekter Geometrie einst dastand. Jedoch hat sie im 16. Jh. ihr nördliches Seitenschiff samt Apsis, den nördlichen Arm des Querschiffes und auch den Nordturm des Westwerkes verloren. An der Westseite sieht man noch den Rundbogen des damaligen symmetrisch in der Mitte der Gebäudefront liegenden Haupteingangsportales (siehe Photo weiter unten).

Ich weiß: heutzutage geht man im Denkmalschutz andere Wege als früher, der Ist-Zustand sollte konserviert und gepflegt, nicht der Originalzustand wiederhergestellt werden. Es bleibt ein großes „Aber“…

Die Klosterklausur, also die Räume, in denen das Leben und die Arbeit der Mönche stattfanden, hat noch einiges Altes zu bieten – den Ost- und das Erdgeschoß des Südflügels mit Refektorium und Kapitelsaal. Die 1. Etage des Südflügels, der Kreuzgang und der gesamte Westflügel sind jedoch nicht mehr vorhanden. Die verbliebenen Klausurteile sind saniert und schmücken sich mit schönen Säulen mit prächtigen Kapitellen aus der Ursprungszeit.

Irgendetwas „stimmt“ hier nicht?

Ich bin lange durch die Kirche gegangen. Und ich habe hinterher viel gelesen: die Kirche hat so viel Schändung erlebt: Brandschatzung, Raub, Zerstörung, wesensfremde Einbauten und Abriß ganzer Gebäudeteile, die Besetzung über viele Jahre durch die Staatssicherheit der DDR durch die Lage im Grenzgebiet…. – vielleicht ZU viel?

Wo ist die Energie, die Du in anderen ottonischen und frühromanischen Sakralbauten sofort spüren kannst? Verloren zwischen dunklem barocken Schnitzwerk und seitlich in den Vierungsübergang gequetschter Orgel. (siehe auch unten der Vergleich mit anderen Heiligen Bauten)

Die Kirche ist energetisch quasi zweigeteilt. Die Apsis und der Chor, der Ort des morgendlichen göttlichen Lichtes, sind fensterlos (gemacht worden). In der Apsis steht ein riesiger geschnitzter barocker Altar bis zur Decke hoch. Sicherlich große Schnitzkunst und ein kostbares Kleinod des Barock, aber sooo wenig passend! Die andere Lichtquelle – das Licht, das durch die Fenster des Querschiffes fallen würde, fehlt, da der nördliche Querarm fehlt und in den Eingangsbogen zum südlichen Querarm wurde eine riesige Orgel eingebaut. Damit nicht genug, ist auch der Durchgang vom Seitenschiff ins Querschiff von einer zweiten Orgel verstellt. Orgelmusik paßt hier nicht hinein, das ist ein Konzept aus viel späterer Zeit. Und schon gar nichts hat sie im Ostteil der Kirche zu suchen. Es ist der Raum, in stiller Andacht das Morgenlicht zu begrüßen. Und davon hat man die Kirche komplett abgeschnitten…

Doch schau in den Kirchenraum Richtung Westen – noch immer groß genug, um den Prachtbau früherer Zeit zu erahnen, harmonisch, majestätisch, für die Ewigkeit. Wenn Du Dir statt des später angebrachten Gewölbes eine gerade Holzdecke hoch droben vorstellst, wird es ganz perfekt.

Manchmal weiß ich nicht so genau, wie ich es ausdrücken soll: die Energie hat es schwer, sich hier noch zu zeigen. Vielleicht spürst Du sie, wenn Du die Originalornamente des Estrich mit der Hand berührst und Dir vorstellst, wie schön der ganze Boden gestaltet war. Hier triffst Du den Künstler ganz nah, der vielleicht Dein Urahn ist.

Die Menschen, die sich der Klosteranlage angenommen haben, sind voll Idealismus, Tatendrang und guter Absichten. Die Klosterkirche gehört der Stadt Ilsenburg, das Klostergelände der Stiftung Kloster Ilsenburg. Es ist wunderbar, daß hier, zu einem großen Teil auf Privatinitiative, unsere Vergangenheit bewahrt wird. Es wird dafür gesorgt, daß viele Menschen hier ihre Interessenslagen finden – es gibt Ausstellungen, Konzerte, Veranstaltungen, ein Restaurant und Räume können gemietet werden. Sehr weltlich aufgestellt. Das werden die Investoren so begrüßen, denn ein gewisser Mittelrückfluß ist ja wünschenswert, der ja wiederum dem Kloster zugute kommt. Was vielleicht dadurch etwas zu kurz kommt, ist das Geistig-Spirituelle, ist die Heilige Ehrfurcht vor den alten Gemäuern.

 

Weiter nördlich am Lauf der Ilse liegt Osterwieck im nördlichen Harzvorland. Eine wunderschöne alte Stadt mit lang zurückverfolgbarer Geschichte. Der zweite Teil des Wortes, die Silbe -wieck ist ein Hinweis auf einen alten Handels- und Warenumschlagsplatz. Wik, wyk, wike ist ein altniederdeutsches Wort dafür. Solche Plätze lagen an Handelsstraßenkreuzungen und Wassertransportwegen, meist mit Zugang zum Meer (siehe auch Wyk, Schleswig, Bardowick oder Ralswiek, Brunswiek=Braunschweig). Diesen Orten wurde dann später das sogenannte Stapelrecht verliehen, d.h. hier wurden Waren von kleineren flachwassergängigen auf größere Schiffe umgeladen.

Doch das ist schon wieder eine neue Geschichte…

Wenn man davon ausgeht, daß die Wasserstände früher höher waren und die Flüsse schiffbar, hatte auch Ilsenburg quasi einen Zugang zur Nordsee.

 

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ein wirklich schöner und interessanter Fund in der kleinen Ausstellung mit alten Bauteilen vom Klostergelände: ein Ziegelstein mit Jahreszahl in gotischen Ziffern – schon erkannt? ;)

Quellen und Inspiration:

Wikipedia: Ilsenburg, Kloster Ilsenburg

Netzseite der Stiftung Kloster Ilsenburg: https://www.kloster-ilsenburg.de/start.html#historie

zum Thema der Wasserstände in früheren Zeiten empfehle ich das Video „Ein alter Hafen und die Hansestadt“ vom Youtubekanal „Der Heimatsender“

(1) Heinz A. Behrens „Deutsche Königspfalzen im Harz – von Werla bis Quedlinburg“, Nordharzer Altertumsgesellschaft e.V., 2016

(2) Rainer Schulz „Die wahre Bedeutung der deutschen Ortsnamen“, Hagal-Verlag, 4. Auflage 2021